eyeye

Warum beruhigt Meeresrauschen? Physik und Psychologie der Wellen

Warum beruhigt Meeresrauschen so sehr? Physik und Psychologie erklären die Wirkung der Wellen und zeigen, wie Sie sich davon etwas in den Büroalltag holen.

Am Meeresufer bei Sonnenuntergang rollen Wellen an Felsen vorbei, daneben stehen eine Tasse, ein Laptop und ein Notizbuch; eine leuchtende Gehirnskizze schwebt über dem Wasser.

Meeresrauschen beruhigt, weil es gleichmäßig ist und keine Nachricht enthält, auf die Ihr Gehirn reagieren müsste. Physikalisch ist es ein breitbandiges Rauschen, das störende Einzelgeräusche überdeckt. Psychologisch kommt vermutlich hinzu, dass wir das Meer mit Weite und freier Zeit verbinden. Einen Teil dieser Wirkung können Sie in den Büroalltag mitnehmen.

Ein Geräusch ohne Nachricht

Herbstferien an der Nordsee, irgendwo bei Sankt Peter-Ording. Auf dem Deich weht der Wind, und unten läuft die Flut auf. Nach einer Viertelstunde merken viele, dass die Schultern tiefer sitzen. Doch woran liegt das? Das Meer ist nicht leise, an manchen Tagen ist es sogar laut.

Lautstärke allein erklärt die Wirkung also nicht. Entscheidend ist eher, wie das Geräusch aufgebaut ist und was es dem Gehirn meldet. Genauer: was es ihm nicht meldet.

Physik: viele Frequenzen zugleich

Eine brechende Welle erzeugt keinen einzelnen Ton. Unzählige Luftbläschen, Tropfen und Wasserbewegungen klingen gleichzeitig. So entsteht ein breitbandiges Rauschen, also ein Geräusch, das viele Frequenzen auf einmal abdeckt.

Das Rauschen brechender Wellen entsteht aus breitbandigem Blasenrauschen und tiefen, teils harmonischen Anteilen und ergibt ein rosa Spektrum, in dem die tiefen Frequenzen dominieren [1]. Für das Ohr klingt das weicher als weißes Rauschen, bei dem alle Frequenzen gleich stark sind (etwa das Zischen eines nicht eingestellten Radios). Wie laut die Brandung ist, hängt vor allem von Wellenhöhe und Wellengeschwindigkeit ab [1].

Zudem hat ein solches Rauschen eine praktische Eigenschaft: Es maskiert. Einzelne Geräusche wie Stimmen oder Türenschlagen heben sich weniger deutlich ab und reißen die Aufmerksamkeit seltener an sich.

Rhythmus: vorhersehbar, aber nicht monoton

Dieses Muster dürfte eine Rolle spielen. Das Gehirn kann den nächsten Brecher grob vorhersagen, findet also keinen Anlass zur Wachsamkeit. Gleichzeitig ist das Geräusch abwechslungsreich genug, um nicht zu nerven wie ein tropfender Wasserhahn.

Manche Autoren verweisen zudem auf eine Nähe zum Atemrhythmus in Ruhe.

Psychologie: Aufmerksamkeit, die sich erholt

Die Psychologen Rachel und Stephen Kaplan haben dafür ein Modell vorgeschlagen, die sogenannte Aufmerksamkeits-Erholungstheorie (Attention Restoration Theory). Ihr zufolge ermüdet gerichtete Aufmerksamkeit, also das bewusste Konzentrieren auf Mails, Tabellen und Termine. Natürliche Reize wie Wellen oder Wind beschäftigen den Geist dagegen nur sanft. Die Konzentration könne sich dabei erholen, so die Annahme.

Hinzu kommen persönliche Verknüpfungen. Wer das Meer mit Kindheitsurlauben oder freien Tagen verbindet, dürfte auf das Geräusch anders reagieren als jemand, der dabei an eine stürmische Überfahrt denkt. Für den einen Erholung, für den anderen Erinnerung an Seegang.

Was im Büro anders klingt

Der Vergleich liegt nahe: Am Strand hören Sie ein gleichmäßiges Rauschen ohne Inhalt, im Großraumbüro dagegen Gesprächsfetzen, Telefone und Tastaturen. Gerade verständliche Sprache stört besonders: In einer Laborstudie von 2013 sank die kognitive Leistung umso stärker, je höher die Sprachverständlichkeit (Speech Transmission Index) des Hintergrundgesprächs war [2].

Das Büro ist dabei nicht unbedingt lauter. Der Lärm ist vor allem unruhiger und trägt mehr Information.

Das Meer im Alltag

Ganz lässt sich die Nordsee nicht einpacken, doch einige Elemente schon.

Nutzen Sie Rauschen als Hintergrund. Aufnahmen von Brandung oder rosa Rauschen über Kopfhörer können Gesprächsfetzen überdecken, ohne selbst Aufmerksamkeit zu fordern.

Halten Sie die Lautstärke niedrig. Das Rauschen soll maskieren, nicht übertönen, sonst wird es selbst zur Belastung.

Planen Sie kurze Pausen draußen ein. Fünf Minuten am Fenster oder im Park mit Wind und Blättern dürften der Aufmerksamkeit mehr helfen als der nächste Blick aufs Handy.

Und im Urlaub: Gehen Sie ohne Kopfhörer an den Strand. Ob eine Aufnahme im Büro dasselbe leistet wie die Brandung vor Ort, ist bislang offen.

Häufige Fragen

Wirkt eine Aufnahme genauso gut wie das echte Meer?

Vermutlich nicht ganz. Am Strand kommen Wind, Weite und Licht hinzu. Für das Maskieren von Bürogeräuschen kann eine Aufnahme aber durchaus genügen.

Ist rosa Rauschen dasselbe wie Meeresrauschen?

Nein. Rosa Rauschen ist ein technisch erzeugtes Signal mit stärkeren tiefen Frequenzen.

Warum empfinden manche Menschen Meeresrauschen als unangenehm?

Die Wirkung hängt auch von Erfahrungen und Erwartungen ab. Wer das Meer mit Gefahr oder Seekrankheit verbindet, dürfte anders reagieren.

Ist die Nordsee lauter als andere Meere?

Das lässt sich pauschal nicht sagen. Wind, Gezeiten und Strandform bestimmen den Klang an jedem Ort neu.

Quellen

[1] ACOUSTICS 2018: Surf Wave Parks

[2] How Much Does Irrelevant Speech Impair Employees’ Work Performance in Open-Plan Offices? (Jahncke, 2013)

Erschienen für

eyeye

Mehr von eyeye

Alle →

Aus anderen Redaktionen

Alle Beiträge →

In eigener Sache

Willkommen in der eyeye Zeitung

Eine Zeitung für alle Redaktionen, die schreiben, aber keine eigene Website brauchen. Was sie ist, wie sie funktioniert und warum wir sie gebaut haben.

Die eyeye Redaktioneyeye Redaktion2 Min.

Kaffee

Warum guter Kaffee Zeit braucht

Langsam rösten, ruhen lassen, frisch mahlen: drei Wartezeiten, die über den Geschmack entscheiden — und warum wir keine davon abkürzen.

Mara LindqvistRösterei Nordlicht1 Min.

Steuern

Die Homeoffice-Pauschale richtig nutzen

Sechs Euro am Tag, bis zu 1.260 Euro im Jahr: Was die Tagespauschale abdeckt, wann sich das Arbeitszimmer mehr lohnt und welche Nachweise Sie brauchen.

Dr. Helene WeberWeber & Partner1 Min.

KI

KI im Betrieb: Die ersten drei Schritte

Nicht mit dem großen Projekt anfangen, sondern mit der lästigsten Aufgabe der Woche. Wie drei Betriebe aus unserem Netzwerk KI eingeführt haben.

Katrin AlbersWerkbank Mittelstand1 Min.